Irrtümer in der Studienwahl – Die Modebranche

Im Grunde genommen haben wir es bei der Modebranche gleich mit Irrtümern in zwei Bereichen zu tun: dem Modedesign und dem Handel, und beide Bereiche müssen getrennt voneinander betrachtet werden, weil die Problematiken ganz unterschiedlich sind.

Seit es Menschen gibt, gibt es Kleidung, und während diese zunächst dem Schutz galt, wurde sie zunehmend zu einem Statussymbol und drückte einen gesellschaftlichen Stand aus. Das war schon bei den Ägyptern vor 3.000 Jahren so. Während es über Tausende von Jahren eher namenlose Schneider/-innen waren, die Kleider entwarfen, kam im 19. Jahrhundert ein Engländer zu Berühmtheit, der nach einer Verkäuferausbildung nach Paris ging und dort begann, Kleider zu entwerfen – Charles Frederick Worth.

Er gründete in Paris sein Modehaus Maison Couture, seine Ehefrau war gleichzeitig sein Mannequin, und er gilt als der Begründer der Haute Couture. Um als Haute Couture-Haus zählen zu dürfen, muss der Modedesigner oder die Marke zur „Vereinigung für Haute Couture“ zählen, die in Paris angesiedelt ist und zum französischen Handelsministerium gehört. Wer als Haute-Couture-Haus gelten will, muss mindestens zweimal im Jahr eine Modenschau mit mindestens 35 Modellen zeigen.

Das heutige Modedesign wird in zwei Kategorien unterteilt – die Haute Couture, die auf wohlhabende Kunden abzielt, für die maßgeschneidert wird, und die Prêt-à-Porter-Mode, also die Mode, die „fertig zum Tragen“ ist. Bei letzterer gibt es eine weitere Unterscheidung: Konfektionsware, die am häufigsten in den Läden zu finden ist und den Massengeschmack mit günstigen Preisen treffen soll sowie die Designer-Kollektion, die sich durch hohe Qualität und ungewöhnliche Schnitte auszeichnet. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ging der Einfluss der Haute Couture zurück und räumte den Designerkollektionen deutlich mehr Platz ein, sodass heutzutage die Designer-Kollektionen mehr Einfluss auf die Alltagsmode haben als die Haute Couture. Diese Fakten sollten jedem klar sein, der sich mit dem Gedanken trägt, Modedesign zu studieren, denn daraus ergeben sich weitreichende Folgen, die zum Erfolg oder zum Scheitern führen.

Viele Eltern mögen den Gedanken Ihrer Sprösslinge an Modedesign als unbehaglich empfinden, wirken kreative oder künstlerische Berufe doch als eher unsicher. Ich sehe das dagegen völlig anders und kann jeden nur bestätigen, seiner kreativen Neigung nachzugeben. Die einzige Frage, die ich mir stelle, ist:

Ist auch tatsächlich genügend kreatives Potenzial vorhanden, das als Basis für anschließenden Broterwerb herhält? Und vor allem: Ist genügend mentale Stärke vorhanden?

Denn ich mache in meinen Beratungen vielfach Erfahrungen mit meinen Kunden, die mich daran zweifeln lassen. Wer Modedesign studieren will, sollte sehr kreativ sein und sehr gut zeichnen können. Meistens zeigt sich diese Kreativität schon in Kindheitstagen, später werden dann eigene Kleidungsstücke umgenäht oder sogar mal das eine oder andere Stück entworfen, der Jugendliche interessiert sich fürs Nähen und ist auch bereit, dieses Handwerk zu lernen oder zumindest auszuprobieren. Er klickt sich durch die Blogger-Szene und verbringt Stunden in Modeblogs, verschlingt das Neueste vom Neuesten und hat selber Ideen, wie sich die eigene Kleidung (oder Accessoires) verändern lässt. Bekannte Blogger-Seiten sind zum Beispiel www.nina.suess.com, www.blogger-bazaar.com, www.hug-you.com, www.bikinisandpassports.com sowie www.ohhcouture.com

Ganz wichtig in diesem Berufsfeld ist der Wunsch, fremde Eindrücke aufzusaugen, den Duft der großen, weiten Welt zu schnuppern, möglichst mehrere Sprachen zu sprechen (fließendes Englisch ist ein Muss, aber auch Französisch ist fast schon unverzichtbar, und an Italienisch und vor allem Spanisch kommt man auch kaum noch vorbei). Darüber hinaus sollte man die Bereitschaft haben, für unbestimmte Zeit im Ausland zu leben. Die Hochburgen für Mode sind London und Paris, aber auch in anderen Metropolen gibt es noch spannende Designer, von denen man lernen kann.

Wenn ich auf meine Beratungen der vergangenen Jahre zurückblicke, so stelle ich fest, dass die Anforderungen gerade mal von 2 Kundinnen erfüllt wurden (die auch mittlerweile erfolgreich ihre Laufbahn gestartet haben). Die Übrigen hatten nicht sehr viel mehr zu bieten als ein Interesse am Shoppen und an Mode… Das ist jedoch viel zu wenig. Erschreckend ist auch immer wieder zu sehen, wie unglaublich naiv und vor allem unwissend viele Jugendliche sind. Sie schauen den ganzen Tag in ihr Smartphone, aber kriegen von der „echten“ Welt da draußen nichts mit…

Und wenn mir dann jemand gegenüber sitzt und Schweißflecken bekommt, weil er aus Bruckmühl (ein kleines Dorf in Oberbayern) eigentlich nicht weg will und München schon ein großer Schritt erscheint, für den Hamburg schon am „Ende der Welt“ liegt und der Angst hat, sich dort gar nicht einleben zu können, dem kann ich nur sagen, bleib dahoam und mach irgendwas anderes, sonst landest Du nur als Verkäufer im Einzelhandel gegen schlechte Bezahlung. So jemand hat in dem kreativen Geschäft des Modedesigns einfach nichts zu suchen.

Man kann schon wieder nach München zurückkommen. Keine Frage – das Leben hier ist extrem angenehm. Aber bevor man zurückkommt, muss man erstmal weg; möglicherweise für eine längere Zeit. Das sieht man an den Münchner Designern, aber auch an den Designern, die in anderen Städten in Deutschland leben. Zum Beispiel:

Rieke Common von Maison Common – hat erst eine Schneiderlehre absolviert, dann Modedesign studiert und anschließend drei Jahre in New York für Oscar de la Renta gearbeitet, bevor sie von Rena Lange nach München geholt wurde.

Marcel Ostertag – studierte am Central Saint Martins College in London

Thomas Tait – er gewann sogar 2014 den LVMH-Preis, der mit 300.000 Euro dotiert ist, und studierte ebenfalls am Central Saint Martins College

Tillmann Lauterbach – der Halbbruder von Heiner Lauterbach war an der ESMOD in Paris (das ist nochmal eine andere Hausnummer als die deutsche…)

Und auch die großen Ikonen sind international unterwegs gewesen wie zum Beispiel Michael Michalsky – er studierte am London College of Fashion.

Dass es nicht zwangsläufig ein Modedesign-Studium sein muss, beweisen teilweise die ganz Großen:

Karl Lagerfeld – der große Meister begann als Illustrator für Mode in Paris, bevor er als Designer für Pierre Balmain arbeitete

Roberto Cavalli – er hatte mit Mode anfangs gar nichts am Hut, sondern hatte in Florenz Drucktechnik studiert und Materialstudien betrieben

Jil Sander – sie ging nach ihrem Textilingenieursstudium für zwei Jahre nach Los Angeles und arbeitete danach in Hamburg als Moderedakteurin.

Wolfgang Joop – hat erst Werbepsychologie und dann Kunsterziehung studiert, aber beides nicht abgeschlossen und eine Zeitlang als Restaurator gearbeitet und war dann ebenfalls Moderedakteur.

Steffen Schraut – hat als Trendscout gearbeitet bevor er die Seiten wechselte

Tom Zauke – der Selfmade-Mann studierte Fahrzeugtechnik, bevor er seine Ideen in sündteure und ausgefallene Wickelarmbänder und andere Accessoires umsetzte

Doch selbst, wenn das Talent da ist und auch die Bereitschaft, ins Ausland zu gehen, so braucht es noch andere Fähigkeiten, um Erfolg zu haben.

Eine der wichtigsten ist das Selbstvermarktungstalent, und zwar unabhängig davon, ob man als angestellter Designer oder aber als Selbstständiger arbeiten möchte. Den meisten mangelt es jedoch an einem ausgeprägten Selbstbewusstsein und an der nötigen Chuzpe, um sich durchzusetzen. Wer hier zart besaitet ist, wird irgendwann untergehen oder zutiefst unglücklich werden.

Und es braucht Kontakte, Kontakte, Kontakte… Dass die ein junger Mensch von 18, 19 Jahren nicht unbedingt hat, ist klar, aber er sollte die unbedingte Bereitschaft haben, diese sehr schnell zu generieren und lange zu pflegen. Im Gegensatz zu früher braucht es heute noch eines, was viele Modedesign-Interessierte zunächst verwundert, und das ist die Bereitschaft, sich mit wirtschaftlichen Themen auseinander zu setzen. Man sollte rechnen können, denn die Modebranche ist ein knallhartes Geschäft.

Dass man jedoch einen gigantischen und rasanten Erfolg haben kann, wenn man alles richtig macht, das beweist ein Label, das in Deutschland vielen noch unbekannt ist – aber vermutlich nicht mehr lange. Galvan!

Galvan existiert erst ein gutes Jahr, aber die vier jungen Frauen, die dahinter stehen, alle im Alter zwischen 30 und 36 Jahren, haben alles richtig gemacht. Sie haben eine Marktlücke entdeckt! Das waren bezahlbare Abendkleider mit einem sensationellen Look, die nicht so teuer wie die Designerroben waren, aber eben auch keine günstigen Polyesterfummel, mit denen man immer aussieht, als komme man vom Land. Sie haben sich auf Stoffe und Schnitte konzentriert und alles weggelassen, was Roben teuer macht.

Sie hatten schon vorher super Kontakte! Carolyn Hodler und Sola Harrison studierten beide an der Boston University und teilten sich über Jahre eine Wohnung. Harrison, eine Isländerin, arbeitete seit ihrem 12. Lebensjahr als Model und studierte noch Psychologie. Beide gingen nach der Uni nach London, wo die eine für die Serpentine Gallery arbeitete, die andere für Christie´s. Sola Harrison hatte bereits durch ihre Zeit als Model beste Kontakte in die Modewelt. Diese Kontakte wurden dann noch besser, nachdem Sie den Sohn des Ex-Beatle George Harrison heiratete. Katherine Holmgren, eine Dänin, studierte in Princeton. Sie und Hodler wollten sich die geschäftliche Seite teilen und Sola Harrison sollte Kreativ-Direktorin werden.

Dann merkten sie, dass ihnen doch noch jemand fehlt, der Modedesign studiert hat und das „Handwerk“ beherrscht. Das wurde die Deutsche Ann-Christin Haas, die beim ehemaligen Londoner Modelabel Jasmine Di Milo gearbeitet hatte, das Jasmine Fayed gehörte, der Tochter von Mohamed Al-Fayed, dem früheren Harrods-Eigentümer. So trafen vier sehr unterschiedliche Frauen aufeinander, die sich wunderbar ergänzten.

Sie konnten rechnen und hatten eine klare Philosophie! Sie kündigten ihre Jobs, hatten das Label anfangs selbst finanziert und legten keinen Wert auf einen kurzen Ruhm durch eine Modenschau, sondern konzentrieren sich auf den Verkauf. Dass man dann Promis wie Sienna Miller oder Supermodels wie Rosie Huntington-Whiteley kennt, ist dabei natürlich nicht hinderlich. Aber was überzeugt, sind ihr Look und ihre Preise. Und: Sie sind international aufgestellt! Amerika und vor allem London sind ihr Metier und zwischendurch geht es dann nach Düsseldorf.

Man kann also mit Modedesign sehr wohl sehr erfolgreich sein, aber dazu bedarf es einiger Voraussetzungen, die nicht zu unterschätzen sind.

Ganz anders sieht es aus im Verkauf. Schenken Sie den tollen Inseraten von Unternehmen, die Azubis suchen und eine glänzende Karriere im Unternehmen in Aussicht stellen, bloß keinen Glauben – egal, ob es um Lidl, Tengelmann oder Modeunternehmen geht!

Einmal Handel, immer Handel. Das gilt auch für den Ausbildungsberuf des Handelsfachwirts, eine reine Abiturienten-Ausbildung, die große Unternehmen oder Modehäuser anbieten.

Sie lernen hier viel, keine Frage, aber Fakt ist auch, dass Sie, egal wie Ihre Karriere verläuft, in weiten Teilen Ihres Arbeitslebens „auf der Fläche“ arbeiten werden. Das mag noch ganz interessant sein, wenn man ganz jung ist, aber wer mehr vom Leben erwartet, als nur eine halbwegs ordentlich bezahlte Verkäuferin zu sein, wird letztlich nur enttäuscht sein.

Selbstverständlich bekommen Sie Verantwortung übertragen, und ja, man hält schon Wort und Sie sind dann bald verantwortlich für anderes Personal. Aber Sie werden immer noch einen Großteil Ihrer Arbeit im Verkauf auf der Fläche stehen. Ich will das Berufsfeld gar nicht schlecht machen, und es gibt auch ganz tolle, leidenschaftliche Verkäuferinnen, die darin aufgehen, Kunden glücklich zu machen. Aber wer glaubt, hier Karriere machen zu können, der irrt gewaltig und wird mit Mitte / Ende Zwanzig immer noch auf der Verkaufsfläche stehen.

Wer dann das Pech oder Privileg hat, bei Unternehmen wie z.B. Lodenfrey zu arbeiten, hat es dann nicht selten mit Kundinnen (Männer sind da meist netter) zu tun, die in ihrem ganzen Leben noch nicht viel geleistet haben außer Kinder zu kriegen und dann das Geld ihrer hart arbeitenden Männer auszugeben. Von denen wird man dann von oben herab behandelt und mies abgekanzelt.

Die Krönung sind dann Kundinnen, die die Kleidungsstücke vor der Verkäuferin auf den Boden fallen lassen und dann mit spitzen Lippen und hoch gezogenen Augenbrauen zu dieser sagen „Heben Sie das auf!“ Selbst erlebt bei Lodenfrey. Ich als Kundin kann den Drachen dann schon zurechtstutzen und blamieren, aber die Verkäuferin kann es nicht und braucht schon viel Selbstwertgefühl, um sich nicht gedemütigt zu fühlen…

Eine Ausfahrt gibt es noch aus dieser Einbahnstraße – aber ob die verlockender ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das sind dann diejenigen, die nicht nur für ein Geschäft oder ein Teil eines Geschäftes die Verantwortung tragen, sondern gleich für mehrere Geschäfte. Hört sich schon mal interessanter an, aber letztlich macht man in großen Teilen nichts anderes als ein LKW-Fahrer auch, nur mit bequemerem und schnellerem Untersatz: von A nach B fahren, und das Tag für Tag.

Diese Area-Manager haben keine uninteressanten Aufgaben, da sie die Schnittstelle sind zwischen den Storemanagern und dem Einkauf. Sie betreuen intensiv (!) ihre Filialen, sind verantwortlich für die Sortimentsgestaltung und Warenpräsentation, übernehmen die betriebswirtschaftliche Führung ihrer Region und sind damit zuständig für die Sicherstellung der Umsatzziele (erzeugt eine Menge Druck) und auch Personalführung und Entwicklung gehören zu den Aufgaben (vulgo: Sie ärgern sich oft mit einigen Verkäufern herum).

Dadurch, dass Sie ständig im Auto unterwegs sind, wird der Job sehr stressig und man steht ständig unter Druck, weil man eine Sandwich-Position hat: von oben gibt es immer Druck, der dann nach unten weiter gegeben wird. Es gibt bestimmt den einen oder anderen, der mit seinem Job zufrieden ist, aber die meisten, die ich in diesem Geschäft gesprochen habe, waren unzufrieden, zutiefst deprimiert und hatten innerlich schon gekündigt.

Es gibt sehr schöne Jobs in der Modebranche, doch der Weg führt in aller Regel nicht über den Handel.

Bildnachweis: © wavebreakmedia – Shutterstock.com

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