Wie meine Berufsberatung entstanden ist

Bei jedem dritten Vorgespräch werde ich von den jungen Leuten oder ihren Eltern gefragt, wie ich dazu gekommen bin, eine Berufsberatung zu gründen. Die Antwort lautet: ungefähr wie die Jungfrau zum Kind.

Wenn ich mal von meiner eigenen Berufsfindung absehe, wurde ich das erste Mal mit dem Thema Berufsberatung im Frühjahr 2007 konfrontiert. Mein Sohn jammerte eines Mittags, dass er nicht wüsste, was er später mal werden wolle. Ich war erst etwas sprachlos und dann war meine Antwort: „Du bist erst 14 Jahre alt. Du hast noch lange Zeit. Als ich in Deinem Alter war, gab es für mich nur Schule und Reiten. Ich habe mir erst Jahre später Gedanken darüber gemacht.“ Mein Sohn erwiderte: „Aber alle in meiner Klasse reden darüber.“ Sagte es und verschwand wieder in seinem Refugium.

Ich dachte, er würde ein bisschen übertreiben, suche vielleicht auf diese Art und Weise ein Gespräch mit mir, oder was auch immer. Aber ich vergaß den Satz nicht. Und als das nächste Mal Freunde zu Besuch waren, fragte ich sie ganz direkt, ob das wirklich Gesprächsthema sei. In ihrem Alter, in ihrer Klasse. Es war wie ein Stich ins Wespennest. Es war ein Thema. Sogar ein sehr großes. Und keiner hatte eine wirkliche Idee, was ihn so richtig interessierte. Eine Mutter unter pubertierenden Vierzehnjährigen ist aber irgendwie uncool und so zog ich mich bald wieder zurück, überließ die Jungs ihrem Schicksal und mich meinen Gedanken.

Bei der Frage, was denn für meinen Sohn das Richtige sei, musste ich passen. Die Frage hatte sich noch nicht gestellt; er war ja noch so jung. Aber ich hatte auch nicht wirklich eine Antwort darauf. Es gab ein paar Ideen, aber ich hatte keine Ahnung, ob ich damit wirklich richtig lag. Das ist umso erstaunlicher, wenn man weiß, was ich zu dieser Zeit beruflich gemacht habe: Ich war nämlich Personalberater oder auch Headhunter, was mir von der Bezeichnung her lieber ist, da das zutreffender war.

Mein Berufsalltag sah so aus, dass ich den Auftrag eines Unternehmens bekam, z.B. einen Vertriebsleiter zu suchen. Ich stimmte die jeweiligen Eckdaten mit meinem Auftraggeber ab – wie viel und welche Erfahrung sollte der Kandidat mitbringen, durfte oder sollte es sogar lieber eine Frau sein, welcher Background war erwünscht, welches Alter, gab es einen Wunschkandidaten oder eine Wunschfirma, aus der ich eine spezielle Person abwerben sollte – und dann machte ich mich auf die Suche.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht in Details meiner Arbeitsweise verlieren, aber eines ist mir wichtig zu erwähnen: Das, was meinen Erfolg bei meiner Tätigkeit ausgemacht hat, waren eine hohe Intuition, eine große Menschenkenntnis und das Gespür, die richtigen Menschen zusammenzubringen. Aber: Selbst jemand, der diese Eigenschaften besitzt und damit umzugehen weiß, tut sich mit der Berufsentscheidung des eigenen Kindes schwer.

Es ist eine Sache, festzustellen, dass eine Person für etwas Bestimmtes nicht geeignet ist; es ist eine ganz andere, herauszufinden, was seine Berufung ist. Und es ist umso schwieriger, wenn es sich um das eigene Kind handelt.

In der darauf folgenden Zeit unterhielt ich mich mit einigen Eltern über diese Problematik und erhoffte mir eine Lösung meines Problems. Doch dieses Thema schien mir ähnlich wie die Problematik der Altersvorsorge: Jeder weiß, dass er etwas tun muss, aber alle schieben es vor sich her. Der entscheidende Hinweis kam von einem meiner langjährigen Freunde. Er schrieb mir eines Tages eine Mail, in der er mir mitteilte, dass er sich entschieden hätte, mit seinen beiden jüngsten Kindern zu einer Berufsberatung in Düsseldorf zu gehen.

In seiner Mail fand ich den Link zu diesem Unternehmen und den Hinweis, ich solle mal darüber nachdenken, ob das nicht auch was für meinen Sohn sei. Immerhin wusste ich jetzt, dass es also 600 km von mir entfernt eine Berufsberatung gab, zu der ich meinen Sohn schicken konnte. Ich schaute mir daher die Website an; sie war ein bisschen spröde aufgemacht, aber was diese Beratung anbot, las sich nicht schlecht. Einen Anruf und drei Minuten später war ich schlauer und ziemlich bedient. Hier passte mir vieles überhaupt nicht (kein Vorgespräch – wir kaufen also die Katze im Sack, keine echte individuelle Ausarbeitung, alles ist in wenigen Stunden vorbei…) und freundlich war man auch nicht gerade.

Man gab mir zu verstehen, dass mein Sohn nach dem Abi kommen solle. Mein Einwand, dass er dafür jedoch die Motivation einer beruflichen Perspektive benötigte und wir auch gern nach dem Abi noch ein zweites Mal wiederkommen würden, zog nicht. Man wollte uns einfach nicht. Na schön. Was es in Düsseldorf gab, das gab es in München oder Oberbayern doch wohl erst recht!

Also machte ich mich an die Recherche. Dabei hatte ich das Glück, dass ich gerade zwischen zwei Projekten steckte und mir eine Zeitspanne von etwa zwei Wochen zur Verfügung stand. Das sollte wohl ausreichen. Ich schrieb mir noch einmal alle Punkte auf, die meinem Sohn und mir bei der Beratung wichtig waren und mit welcher Form von schriftlichem Ergebnis wir nach Hause fahren wollten.

Es gab Hunderte von Beratungen (was mich wirklich überraschte, da mir bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht klar gewesen war, dass das Berufsberatungs-Monopol der Arbeitsagentur 1998 gefallen war), und mit jedem Tag sank meine Hoffnung, eine Beratung zu finden, die meinen Ansprüchen genügte. Das konnte doch nicht wahr sein?! Ich weitete meine Suche auf ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz aus. Die Schweizer waren am teuersten, aber bei weitem nicht besser.

Nach anderthalb Wochen Recherche war ich völlig frustriert. Es gab keine Beratung, die meine Vorstellungen erfüllte. Mit einem Gefühlschaos zwischen deprimiert, sauer, fassungslos und entmutigt rief ich den Düsseldorfer Freund an und jammerte ihm am Telefon das Ohr voll. Er hörte sich geduldig meine Tirade an und meinte dann nur ganz ruhig: Wenn das alles so stimmt, was du mir erzählst, dann ist das eine Marktlücke. Dann mach es selbst!

Das war wieder typisch! Wann immer er irgendwo in seinem Leben ein Geschäft gewittert hatte, hatte er es angepackt und zu Gold gemacht. Aber ich war nicht er. Schon gar nicht als alleinerziehende Mutter! Und außerdem hatte ich schon einen Pubertierenden zu Hause, die wollte ich mir nicht auch noch ins Büro holen. Das sagte ich ihm auch, aber er lachte nur und meinte, ich solle mal genauer darüber nachdenken. Ich könne sehr gut mit Jugendlichen umgehen, und diese Form der Beratung sei die Summe all meiner Kompetenzen. Ich beendete etwas kopfschüttelnd das Gespräch. Der hatte Ideen…

Ich beschloss, das Thema ruhen zu lassen – in der Hoffnung, dass mein Sohn mich nicht mehr darauf ansprechen würde. Wann immer dieses Thema in meinem Alltag hochpoppte, wischte ich es schnell beiseite. Interessanterweise hat sich diese Thematik jedoch meiner Person bemächtigt.

Wie bei einem guten Freund, von dessen Mantel man bei Kälte umhüllt wird, so hat das Thema Berufsfindung mich eingehüllt. Es hat immer wieder den Weg in meine Gedanken gefunden und mir zugemurmelt, ich solle dem Rat meines Freundes folgen und das zum Beruf machen.

Als ich dann eines Nachts davon träumte, wie ich in einem Büro saß und beratend tätig war, gab ich mich geschlagen. Wenn die Zeichen des Himmels sich schon so vehement bemerkbar machten, dann wollte ich mich doch wenigstens mal intensiver mit der ganzen Thematik auseinandersetzen. Das war insofern interessant, als dass ich beruflich als Headhunter an einem Punkt angekommen war, an dem sich eine leichte Unzufriedenheit eingestellt hatte. Ich war erfolgreich, meine Kunden schätzten mich und meine Arbeit, ich verdiente gut und hatte einen Job, um den mich viele beneideten. Aber ich musste die Erfahrung machen, dass viel Brot und Ehr noch lange nicht zur Erfüllung führen.

Geschäftlich lief es gut, aber ich war innerlich zerrissen – zwischen einem Job, der mich gut ernährte, aber mich nicht mehr befriedigte und den Vorwürfen aus meinem Umfeld. Diese lauteten in etwa so: Du hast doch einen Traumjob! Wie kann man da unzufrieden sein? Du verdienst einen Haufen Geld, kommst rum, bist bei Deinen Kunden beliebt und lernst die tollsten Männer kennen! Außerdem weißt Du gleich alles über die, ob sie verheiratet sind, in Trennung leben oder geschieden sind, wie viel sie verdienen, ob sie Kinder haben. Das ist doch alles super!

Als ob ich wegen der Männer meinen Job machte… Ich kam mir vor wie eine der Ehefrauen, der Vorwürfe gemacht werden, dass sie unglücklich ist, obwohl sie doch alles hat: einen tollen Mann, zwei gesunde Kinder, Haus mit Garten, ein schönes Leben. Wie kann man da unglücklich sein? Tja, das ist man eben immer dann, wenn die Seele etwas braucht, was sie nicht bekommt. Äußerliche Sachzwänge, Zahlen, Daten und Fakten spielen dabei keine Rolle. Es war keine leichte Zeit für mich, und da ich mit meinen Gedankenspielen nicht weiter kam, ging ich eher gefühlsmäßig in mich. Ich hatte keine Lösung, wie es genau weitergehen sollte.

Auch ich war also von diesem Phänomen betroffen: Wenn man weiß, was man nicht will, weiß man im Umkehrschluss noch lange nicht, was man will.

Bis zu meinem Traum und meinem Entschluss, mir die Sache mit der Berufsberatung genauer anzuschauen (was für eine verrückte Idee!). Über meine Mitbewerber war ich ja bestens im Bilde, die Frage war nur noch, was mich der Spaß kosten würde. Ganz ehrlich? Wenn ich geahnt hätte, welche Investition tatsächlich auf mich zukommt, ich hätte es nicht gemacht!

Ich hatte eine Idee davon, wie hoch mein Einsatz sein würde (natürlich habe ich gerechnet) und habe ihn verdoppelt. Das ist so ein bisschen wie bei IT-lern: wenn Ihnen da einer sagt, das haben wir gleich, nehmen Sie die Zeitspanne mal drei… Das Doppelte hat dann auch nicht ausgereicht, aber wie gesagt, das merkte ich erst, als es zu spät war, um aufzuhören. Und manchmal ist es auch gut, nicht alles vorher zu wissen…

Nach meinem Entschluss, eine eigene Berufsberatung zu gründen, gab es drei Schlüsselerlebnisse bzw. Erfahrungen, die mir die tiefe Sicherheit vermittelten, dass es genau richtig war, was ich da tat.

Die erste Erfahrung war, dass ich von dem Moment meines Entschlusses und dem sofortigen Start der Unternehmensgründung keinen Moment am Schreibtisch saß und über irgendetwas nachgrübeln musste. Es schien schon alles in mir zu sein und wollte nur noch raus – egal ob es sich um das Konzept handelte oder um das Corporate Design.

Mein zweites Schlüsselerlebnis hatte ich beim Bezug meines Büros. Um die Anfangsrisiken und Kosten im Rahmen zu halten, hatte ich mich für die ersten fünf Monate in einem Business-Center in Schwabing eingemietet. Mein Wunschbüro hatte ich jedoch nicht von innen sehen können, da es noch vermietet war. Als ich dann an meinem ersten „Arbeitstag“ meinen Raum beziehen konnte und am Schreibtisch Platz nahm und nach links aus dem Fenster sah, traf mich fast der Schlag – es war genau der Ausblick, den ich in meinem Traum gesehen hatte!

Mein drittes Schlüsselerlebnis hatte ich ein paar Jahre später mit meinen Tests, genauer gesagt mit meinem Selbsttest. Während der Gründungsphase der Beratung war es meine größte Herausforderung, gute Tests zu finden. Viele kannte ich aus meiner Zeit der Personalberatung. Ich fand sie damals schon schlecht und habe sie aus dem Grunde nie eingesetzt, und sie waren für die Berufsberatung noch weniger tauglich.

Ich nahm mir noch drei andere schlaue Menschen mit ins Boot, um diese Herausforderung in den Griff zu bekommen und so haben wir uns zu viert durch unzählige Tests gearbeitet, bis wir einen (!) fanden, der gut war. Den Rest haben wir dann selbst entwickelt. Man muss sich das ähnlich vorstellen wie bei einen Puzzle: Es ist schon zu einem Drittel fertig, aber es lässt sich noch nicht im Detail erkennen, was da mal entstehen soll. Für diese fehlenden Teile benötigten wir die entsprechenden Fragen. Wenn wir selber diese Tests ausprobiert haben, so lag unser Fokus auf der Sinnhaftigkeit und Praktikabilität. Aber wir haben die Tests nicht gemacht, um über uns mehr zu erfahren…

Zurück zum Schlüsselerlebnis: Eines Tages habe ich meine Tests an mir selber ausprobiert als es darum ging, eine andere Person für die Beratung anzulernen. Ich kannte alle Tests, hatte sie unzählige Male für meine Kunden ausgewertet und eine gute Idee davon, wie die Auswertung bei mir ausfallen würde. Ich kenne ja mich seit etwa fünf Jahrzehnten und meine Tests kenne ich auch schon ein paar Jahre…Ich sollte mich so irren!

Das Ergebnis hat mich schier vom Hocker gehauen und mir wurde schlagartig klar, warum ich bei meinem Headhunting nicht glücklich war und nie glücklich geworden wäre. Es zeigte mir schwarz auf weiß, dass in der Berufsberatung genau mein Platz war und warum. Zum einen zeigte dieser Test ganz klar, dass ich nicht mehr in einer Firma als Angestellte oder freie Mitarbeiterin integrierbar war, egal für wie viel Geld und für welche Position. Ich war mit diesem System nicht mehr kompatibel. Zum anderen zeigte er mir überdeutlich meine Kreativität auf und dass es mir darum ging, etwas zu entwickeln oder zu erschaffen.

Die Arbeit eines Headhunters ist nicht kreativ. Nun wusste ich auch, was mir in den Jahren gefehlt hatte. Meine Arbeit als Berufsberaterin war da deutlich mehr von Kreativität geprägt. Einerseits war es meine Firma, für die ich mir immer wieder etwas einfallen lassen konnte, andererseits war die Arbeit an sich sehr kreativ, denn ich hatte immer wieder einen anderen jungen Menschen bei mir, für den ich mir wieder neu überlegen musste, was der passende Weg für ihn ist. Hier kreiere ich eben die Karrieren oder Berufslaufbahnen von jungen Menschen.

Alle drei Schlüsselerlebnisse zusammen gaben mir die tiefe Sicherheit, genau das Richtige zu machen. Das letzte zeigte mir noch zusätzlich, dass die Tests, die wir verwenden, viel besser als alle psychologischen standardisierten Tests die Begabungen eines jeden Menschen detailliert herausarbeiten. Das bewies sich in der Vergangenheit immer mal wieder, wenn sehr gute Bekannte oder auch Freunde den Weg zu mir in die Beratung fanden – alles Menschen, die ich gut kannte und von denen ich immer wieder durch die Testergebnisse überrascht wurde.

Kreativität alleine hilft eben dann doch nicht für die Berufsfindung. Man muss sich dem ganzen schon sehr strukturiert und analytisch nähern. So fand ich letztlich meine eigene Berufung – und musste fast noch dazu gezwungen werden…

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