Irrtümer in der Studienwahl – Rechtswissenschaft

Reading girlDie Klischees über Rechtswissenschaft/Jura sind ebenso vielfältig wie die Gründe, dieses Fach zu studieren. Rechtswissenschaft gehört –  ebenso wie BWL – zu den Fächern, die vor allem studiert werden, weil den Abiturienten durch Ihre Unkenntnis nichts Besseres einfällt und sich seit Jahrzehnten das Gerücht hält, dass man damit nichts falsch machen kann.

Das Gegenteil ist der Fall. Ich sage es mal ganz drastisch: Rechtswissenschaft kann Ihr Leben ruinieren. Als Gründe, dieses Fach zu studieren, werden immer wieder aufgeführt:

  • Da ist kein Mathe drin.
  • Ich möchte wissen, was Recht ist und was nicht.
  • Ich habe ein großes Gerechtigkeitsempfinden.
  • Mit Jura habe ich viele Möglichkeiten.
  • Ich möchte Karriere machen und viel Geld verdienen.

 Um der Ausführlichkeit Genüge zu tun, möchte ich auf diese Gründe detailliert eingehen.

„Da ist kein Mathe drin.“
Das stimmt. Mit mathematischen Aufgaben müssen Sie sich wirklich nicht herumschlagen. Sie benötigen jedoch für dieses Studium und eine anschließende erfolgreiche Arbeit ein hohes Abstraktionsvermögen, und der Grund, warum sich viele Menschen mit Mathe so schwer tun, ist der, dass es daran oftmals während der Schulzeit hapert. Ein gutes Jura-Examen geht deshalb in der Regel mit guten Mathenoten einher. Es ist nur ärgerlich, dass darauf vorher nicht hingewiesen wird.

„Ich möchte wissen, was Recht ist und was nicht.“
Oftmals kommt dieser Satz von jungen Menschen, die sich in ihrer Kindheit oder Jugend ungerecht behandelt gefühlt haben oder grobe Ungerechtigkeiten in ihrem Umfeld erlebt haben. Nun haben sie – häufig unbewusst – das Gefühl, sie müssten sich mit Recht und Gerechtigkeit befassen. Es gibt so viele Gesetze in Deutschland, dass Sie während Ihres Studiums ohnehin nur einige wenige wichtige Gesetze kennenlernen. Und später wird es so sein, dass Sie sich auf ein oder zwei Fachgebiete konzentrieren. Jedenfalls sollte das kein Grund sein, Jura zu studieren.

„Ich habe ein großes Gerechtigkeitsempfinden.“
Jura hat überhaupt nichts mit Gerechtigkeit zu tun! Vielmehr geht es darum, die Gesetze entsprechend anzuwenden und die bessere oder schlüssigere Argumentation als die Gegenseite zu haben. Wenn Sie ein großes Gerechtigkeitsempfinden haben, werden Sie eher ein gefühlsorientierter Mensch sein. In diesem Fall wird Sie auf Dauer die juristische Arbeit wohl eher belasten.

„Mit Jura habe ich viele Möglichkeiten.“
„Ich möchte Karriere machen und viel Geld verdienen.“
Die Möglichkeiten nach einem Jurastudium sind zwar theoretisch vielfältiger als nach einem Lehramtsstudium, aber so zahlreich nun auch wieder nicht. Sie können Richter oder Staatsanwalt werden, als Anwalt in eigener oder in einer Großkanzlei tätig sein, in großen Unternehmen arbeiten oder Notar werden. So viel zur Theorie. In der Praxis sieht das so aus, dass Sie idealerweise zweimal ein Prädikatsexamen erreichen müssen, um wirklich gute Berufsaussichten zu haben – das schaffen jedoch nur etwa 18 bis 20 Prozent der Juraabsolventen. Ins Richteramt kommen nur die Besten, das gilt ebenso für die Staatsanwaltschaft. Die großen Firmen und die großen Kanzleien nehmen mittlerweile ebenfalls die Absolventen mit einem doppelten Prädikatsexamen – sie suchen sich eben die besten Köpfe aus. Wer das jedoch nicht schafft, kann nur noch eine eigene Kanzlei eröffnen – und lebt lange Jahre nach Abzug aller Kosten eher auf Hartz IV-Niveau. Dass diese Situation nicht gern nach Außen kolportiert wird, liegt auf der Hand.

Das Problematische am Jurastudium selbst ist die Tatsache, dass sich viele Studenten an der Masse orientieren.

 

Wenn sie Ihre Klausuren oder Hausarbeiten mit den Noten befriedigend oder ausreichend schreiben, glauben sie, dass alles in Ordnung sei. Tatsächlich ist das eher ein Zeichen dafür, dass es sinnvoll wäre, die Art des Lernens entweder komplett umzuwerfen und das Studium anders anzugehen oder es abzubrechen und etwas Passendes zu wählen. Tut man das nicht und studiert man weiter vor sich hin, kommt das böse Erwachen meist im Repetitorium.

Kurioserweise werden die Jurastudenten während des Studiums nicht auf das Examen vorbereitet.

Das war schon zu meiner Zeit so und  hat sich bis heute nicht geändert, wobei mittlerweile einige wenige Universitäten sich bemühen, dieses Manko auszugleichen. So gehen die meisten Studierenden vor der ersten juristischen Prüfung (früher hieß es Erstes Staatsexamen) ins Repetitorium, für das auch noch eine Menge Geld gezahlt werden muss. Sie haben einen Freischuss und wenn der nicht ordentlich war, dann immer noch zwei Examensprüfungen. Wenn Sie es bis dahin nicht mit hervorragenden Leistungen geschafft haben, stehen Sie mit Ende 20 ziemlich dumm da und können noch mal ganz von vorne beginnen.

Aber angenommen, Sie schaffen Ihr Prädikatsexamen und finden eine interessante Anstellung. Dann sollten Sie sich mit dem Gedanken anfreunden, dass Sie keine 40-Stunden-Woche haben werden. Ihr Leben besteht aus dem Wälzen und Studieren von Aktenbergen, und Sie sollten sich klar machen, dass Sie Ihr Leben lang mit Rechtsfragen oder mit Streitigkeiten zu tun haben. Ich sage nicht, dass das schlecht ist, aber Emotionen sind hier fehl am Platz. Meines Erachtens werden Sie nach diesem Studium sehr lange Zeit entweder eine 70-80-Stundenwoche haben und viel Geld verdienen oder Sie werden eine 70-80-Stundenwoche haben und wenig Geld verdienen. Dazwischen sehe ich nichts. Das mag überspitzt und provokant klingen, trifft aber im Kern ziemlich genau die Sache.

Bildnachweis: © pressmaster – fotolia.com

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